Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Blick zurück & nach vorn

11. September 2013 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Die Kasseler Musiktage feiern vom 31. Oktober bis zum 17. November ihren 80. Geburtstag – unter anderem mit der deutschen Erstaufführung von Ernst Kreneks „Symeon der Stylit“

Die Akademie für Alte Musik Berlin wurde 1982 gegründet und gehört heute zur absoluten Weltspitze der  Kammerorchester. Am 17. November gestaltet sie das Abschlusskonzert der Kasseler Musiktage in der Stadthalle. Foto: Kristof Fischer Es ist außergewöhnlich, wenn ein vor mehr als 75 Jahren entstandenes Werk eines prominenten Komponisten erst jetzt seine deutsche Erstaufführung erlebt. Bei den Kasseler Musiktagen steht ein solches Ereignis bevor: Ernst Kreneks Oratorium „Symeon der Stylit“ erklingt am 9. November in der Martinskirche. Die Beziehung zwischen Ernst Krenek (1900–1991) und Kassel begann einst mit einem Skandal. Gerade mal 23 Jahre war der gebürtige Wiener, als seine eruptive 2. Sinfonie beim Tonkünstlerfest in Kassel das Urteil des Publikums spaltete. Einige waren hingerissen, andere tobten vor Empörung, und der Skandalerfolg machte den jungen Komponisten in der Fachwelt bekannt. Von 1925 bis 1927 wirkte Krenek dann am Kasseler Theater. In Kassel vollendete er unter anderem „Jonny spielt auf“, eine der erfolgreichsten Opern der Zwischenkriegszeit.

37 Jahre auf eine Säule
Im heimatlichen Wien schrieb Krenek 1935/36 „Symeon der Stylit“ – zwei Jahre bevor er in die USA emigrierte. „Der Inhalt des Oratoriums“, so Krenek, „ist die Geschichte des heiligen Symeon, der im 5. Jahrhundert n. Chr. in Syrien 37 Jahre seines Lebens auf einer Säule stehend verbracht haben soll, von einem Teil der Menge als neuer Messias angebetet, von anderen als empörendes Skandalon verworfen.“ Für Jahrzehnte ruhte die Partitur in der Wiener Stadtbibliothek, erst bei den Salzburger Festspielen 1988 wurde das Oratorium mit glanzvollem Erfolg uraufgeführt. Bei der deutschen Erstaufführung am 9. November werden das Vocalensemble Kassel und das Ensemble Studio musikFabrik unter der Leitung von Eckhard Manz zu hören sein. Das Kirchenkonzert ist einer der Glanzpunkte der Kasseler Musiktage, die in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag feiern und zugleich Teil des Stadt-Jubiläums sind. Dem doppelten Jubiläum entspricht das Festivalmotto „Im Augenblick der Ewigkeit – viel geschehen – viel zu tun…“

Kostbares von Schütz und Spohr
Doric String Quartet. Foto: Georde GarnierNeben Ernst Krenek würdigt das Festival auch die Komponisten Heinrich Schütz und Louis Spohr, beide ebenfalls eng mit Kassel verbunden. Werken von Schütz, der wie wenige andere die deutsche Sprache und die christliche Botschaft zum Klingen gebracht hat, widmet sich das Ensemble Weser-Renaissance Bremen am 6. November. Spohrs gewichtiges Oratorium „Die letzten Dinge“ gibt es am 3. November mit dem Kammerchor Stuttgart, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und dem Dirigenten Frieder Bernius. Außerdem veranstalten die Kasseler Musiktage in Kooperation mit dem Konzertverein Kassel und der Internationalen Louis Spohr Gesellschaft zwei Kammerkonzerte „Spohr und die anderen“, eines davon mit dem vielseitigen, als Geiger wie als Pianisten bekannten Kolja Lessing, der am 2. November zum Klaviersolo lädt. Das Festival unter der künstlerischen Leitung von Dr. Dieter Rexroth wirft jedoch nicht nur einen Blick auf die Vergangenheit und auf Kassels Musikheroen, es beleuchtet auch die aktuellen Potenziale von Stadt und Region. Erstmals haben die Kasseler Musiktage einen Kreativwettbewerb für nordhessische Schülerinnen und Schüler ausgeschrieben – man darf auf die große Präsentation am 10. November gespannt sein. Von ihrer besten Seite zeigt sich die musizierende Jugend gleich beim Festivalauftakt mit der Jungen Deutschen Philharmonie. Das Orchester, das die besten Musikstudenten der deutschen Hochschulen versammelt, spielt beim Eröffnungskonzert am 31. Oktober von Rameau bis Mendelssohn groß auf. Als Solist dabei: der französische Meistercellist Jérôme Pernoo.

Spannende Kammermusik
Frieder Bernius. Foto: Gudrun BublitzEbenfalls international renommiert sind das Szymanowski Quartet, das delian::quartett und das Doric String Quartet, die spannende Kammermusik vorbereitet haben. Beispielsweise serviert das delian::quartett Paul Hindemiths parodistische „Ouvertüre zum ‚Fliegenden Holländer‘, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“. Ein Streichquartett-Schmankerl im Wagner-Jahr. Und noch viel mehr haben die Kasseler Musiktage zu bieten: von märchenhaften Schlagzeugklängen bis zum Trio lunaire mit den beiden Klaviertrios von Franz Schubert, vom Kammerorchester Louis Spohr bis zum Organisten Reinhard Ardelt. Und das Abschlusskonzert am 17. November gestaltet die mehrfach preisgekrönte Akademie für Alte Musik Berlin.

www.kasseler-musiktage.de


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