Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Drei fröhliche, äh, Swinger …“

12. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Der Jacob Grimm-Preis Deutsche Sprache ging diesmal an den Schauspieler Ulrich Tukur, der Institutionenpreis an ein Übersetzer-Kollegium

… hopsen am Schluss der Veranstaltung auf der Bühne im goldblauen Festsaal des Kasseler Kongress Palais´ vor dem gestreng dreinblickenden Portrait des Namensgebers des Preises herum, geben Lieder aus längst vergangenen Jahrzehnten zum Besten und bringen den Saal voller Honoratioren zum Toben: Deutschen Swing, ja, das gab’s mal, dargeboten von den Rhythmus Boys, der Band, mit der Preisträger Ulrich Tukur ein paar Platten eingespielt hat und hin und wieder auf Tournee geht. Wer sich eines Preises für Deutsche Sprache als würdig erweisen will, muss heute natürlich auch in den Doppeldeutigkeiten des modernen Denglisch fit sein, daher das neckische Zögern in der Ansage.

13. Preis an Tukur und Sprick
Zuvor hatte Oberbürgermeister Bertram Hilgen sich Sorgen gemacht, die auch Leute überfallen können, die sonst nicht zu abergläubischen Anfällen neigen: Im Jahr 2013 wird der Preis zum 13. Mal verliehen, ob das mal gut geht … Aber die Verleihung erwies sich als unterhaltsamer Abend, und das lag an den beiden anwesenden Preisträgern, neben Tukur ein gewisser Claus Sprick als Vertreter des Europäischen Übersetzer-Kollegiums NRW (der dritte Preis an einen Förderverein Buchdorf musste kurzfristig ausgesetzt werden, weil der Verein wegen irgendwelcher interner Querelen nicht handlungsfähig sei).

Wettern gegen Anlizismen
Ein bisschen erschauert man ja immer, wenn man die sage und schreibe 20 (in Worten: zwanzig) Punkte des Ablaufplans mit mehreren Begrüßungen, Grußworten und Reden überfliegt und sich, inklusive der Pressekonferenz, auf satte vier Stunden Sitzfleischtraining gefasst macht. Außerdem wird auf dieser Veranstaltung gern ein bisschen sehr teutonisch gegen Anglizismen gewettert, was jedoch gerade die Preisträger diesmal lustvoll durchbrechen. Und schon der Pianist pianistet diesmal keine getragene Klassik, sondern jazzige Sachen, die klingen wie aus einem Woody-Allen-Film. Die Grußworte und Reden übergehen wir großmütig und wenden uns den Preisträgern zu.

Asterix im Ruhrpottslang
Das Europäische Übersetzer-Kollegium ist eine internationale Begegnungs- und Arbeitsstätte für eben jene Sparte, und Präsident Claus Sprick, ein pensionierter Richter am Bundesgerichtshof, der schon während seiner Tätigkeit an dieser gewichtigen Institution Asterix in Ruhrpottslang übersetzte, legt gleich los: „Bei uns sagt keiner mehr `translator in residence´, sondern nur noch `wo ist das TIR?´“ Letztes Jahr habe ja die „Sendung mit der Maus“ den Preis bekommen, „aber uns Übersetzern ist die Tastatur näher als die Maus“. Viele Leute hätten eine ganz falsche Vorstellung vom Übersetzen; man müsse nicht die Ursprungssprache perfekt beherrschen, schließlich kann man nachschlagen, sondern die eigene. Aber als Sprick mal das komplette Grimm´sche Wörterbuch von der Steuer absetzen wollte (der Verfasser dieser Zeilen, im nachfolgenden Verf. genannt, weiß nicht genau, wie viele Bände zu welchem Preis, aber das ist eine ziemliche Investition), bekam er im Finanzamt zu hören, den Larousse, das hätten sie ja noch eingesehen … „Dabei ist es die deutsche Sprache, die man kneten können muss.“ Kunstpause. „Die Knete – aber das ist ein anderes Thema.“ Von dem alle Übersetzer ein Lied singen können (der Verf. ist ja auch einer).

Gedichte und Spieluhr
Ulrich Tukur kommt auf Leinwand und Mattscheibe meist eher getragen rüber, oft in historischen Rollen (der junge „Wehner“ vor zwanzig Jahren, „John Rabe“, „Rommel“), oder er spielt zerquälte Charaktere wie den aktuellen hessischen Tatort-Kommissar, ganz zu schweigen von diabolischen Auftritten in Kinoerfolgen wie „Das Leben der Anderen“ oder „Das weiße Band“. Aber schon bei der Pressekonferenz und erst recht später auf der Bühne präsentiert er sich als ziemlich lustiger Vogel. Er sei sprachlos, dass er als Schauspieler so einen Preis bekomme, aber immerhin sei er ja ein direkter Nachkomme von Gustav Schwab (der Sagenonkel, Sie erinnern sich? d.Verf.). Darüber hinaus ist Tukur nicht nur Schauspieler und Musiker, sondern seit einigen Jahren auch Autor, er hat einen Band mit Venezianischen Gedichten veröffentlicht, einen Band mit Deutschen Liebesgedichten herausgegeben und soeben ist die phantastische Novelle „Die Spieluhr“ erschienen. Tukur lebt seit Jahren in Venedig, wo er „die deutsche Sprache überhaupt nicht vermisst, weil da so viele Deutsche rumlaufen“. Angesprochen auf den etwas seltsamen Kommissar mit dem Hirntumor meint er fröhlich: „Das treibe ich solange auf die Spitze, bis die vom Hessischen Rundfunk mich rausschmeißen.“

Stehende Ovationen
Was Tukur meint, wenn er etwas auf die Spitze treibt, davon bekommt man schon bei der Laudatio eine Ahnung: Er soll, so Prof. Dr. Waltraud Wende, Schleswig-Holsteins neue Wissenschaftsministerin, „sein Kinderzimmer mit Todesanzeigen tapeziert und unter der Bettdecke E.T.A. Hoffmann gelesen haben“. Sodann präsentiert Tukur selbst in seiner Dankesrede einen völlig abgedrehten Lebenslauf in dritter Person: „Als Achtjähriger verfasste er eine Ode auf das Sterben Friedrichs des Großen, die er im Selbstverlag herausbrachte und auf dem Schulhof seines Gymnasiums mit Erfolg verkaufte.“ Danach ging es erst richtig los, doch der Verf. konnte vor Lachen nicht mehr mitschreiben. Ähnlich irre die Präsentation seiner beiden „Mitswinger“ von den Rhythmus Boys: Der eine habe seine Doktorarbeit über „Die Blockflöte als Phallussymbol zwischen Biberach und Bodensee“ geschrieben, der andere über „Das Metronom als Taktgeber sexueller Entgleisung“. Am Ende lagen die Zuschauer nicht ihm zu Füßen, sondern standen auf den eigenen, minutenlange (ah, ein Anglizismus, d. Verf.) „standing ovations“. Der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt im Gesellschafts- und Bankettsaal musste mehrmals verschoben werden, weil die Schlange, die sich von Tukur seine Bücher signieren lassen wollte, einfach kein Ende nahm. Die Häppchen waren diesmal keine zähen Brötchen, sondern … nun ja. Die Stadtverordnete Esther Kalveram zum Verf.: „Was, glaubst du, könnte das sein?“


Tags: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar