Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



“Kassel bleibt eine tolle Erinnerung”

23. April 2013 | Von | Kategorie: Porträt 

Im Interview: Rein Wolfs, bis Ende Februar Leiter der Kunsthalle Fridericianum

Rein Wolfs, 52, brachte ab 2008 neuen Schwung in das Fridericianum. Seit dem 1. März leitet er nun die Bundeskunsthalle in Bonn. Foto: Mario ZgollJérôme: Sie waren viereinhalb Jahre in Kassel aktiv. Was war für Sie in dieser Zeit besonders prägend?

Rein Wolfs: Ich habe Kassel als eine sehr angenehme Stadt kennengelernt. Sehr angenehm zum Leben. Auch eine sehr offene Stadt. Ich finde, dass die Stadt viel unprovinzieller ist als sie selber meint. Man kennt sich hier auch einigermaßen aus mit der zeitgenössischen Kunst. Das ist natürlich documenta-bedingt und das hängt auch mit der Anwesenheit einer Kunsthochschule zusammen. Kassel hat aber auch wirtschaftlich eine positive Entwicklung durchgemacht.

Jérôme: Welche Momente werden Ihnen besonders gut in Erinnerung bleiben?

Wolfs: Mein Fokus ist natürlich stark auf meine Arbeit gerichtet. Da sind gewisse Ausstellungen, die wir gemacht haben, die ich nie vergessen werde. Natürlich ist auch die documenta ein sehr prägendes Moment. Im vergangenen Jahr war ich hautnah dabei und das ist schon sehr interessant. So eine Ausstellung auch nicht nur einmal zu sehen, sondern neun- oder zehnmal. Prägend waren für mich auch Bekanntschaften mit den Leuten hier in Kassel. Für mich als Fußballliebhaber gibt die Stadt leider etwas weniger her. Ich bin jetzt nicht ein riesen KSV-Fan geworden, weil ich dann doch auf andere Dinge schaue – auf Feyenoord Rotterdam oder Schalke 04. Aber Kassel hat die Huskies! Und im Bergpark zu spazieren und in der Aue, das ist auch etwas Besonderes.

Jérôme: Und wenn wir auf die Ausstellungen zu sprechen kommen? Christoph Büchel zum Beispiel.

Wolfs: Das ist schon eine sehr wichtige Ausstellung gewesen für mich. Mit ihr konnten wir einen Akzent setzen. Das war groß und intensiv, fast zum Obsessiven hingehend – die Arbeit mit den Künstlern, um diese Ausstellung zustande zu bringen. Sie hatte auch provozierende, umstrittene Elemente. Sie hat für mich das gesamte Haus wirklich anders gezeigt als es ist und auch für Kasseler fast zum Verschwinden gebracht hat. Man hat labyrinthische Durchgänge entwickelt, wo die Menschen dann zum Teil gar nicht mehr wussten, wo im Fridericianum sie gerade sind. Das war eine große Leistung des Künstlers und da bin ich froh, dass ich dabei war, um das mit ihm zu tun.

Jérôme: Als ältestes feststehendes Museum auf dem europäischen Festland …

Wolfs: Ältestes öffentliches Museumsgebäude auf dem europäischen Festland.

Jérôme: … beherbergte es vorher bestimmt noch nie eine Mäc-Geiz-Filiale.

Wolfs: Das wird es hoffentlich auch nie geben. Damit hat Büchel natürlich auch eine Zukunftsvision abgebildet, die mal eintreten könnte. Wenn man sich dafür entscheiden würde, die Kultur nicht mehr zu fördern und das Haus nicht mehr als Museumsgebäude zu pflegen, könnte man es schon an ein Mäc-Geiz oder für eine Parteimesse vermieten oder eine Spielothek reinholen und so weiter und so fort. In diesem Sinne ist das bei Büchel auch Dystopie. Was wird aus so einem Gebäude, wenn es kein Museum mehr ist? Ein Schreckensgespenst eigentlich.

Jérôme: Ist so etwas in der Bundeskunsthalle in dieser Form fortführbar?

Wolfs: In der Bundeskunsthalle bespielt man unterschiedliche Hallen mit unterschiedlichen Ausstellungen. Wir werden dort auch nicht nur zeitgenössische Kunst machen, sondern über alle Epochen gehen. Das Fridericianum bringt anderes in einem als Kurator hervor, als die Bundeskunsthalle oder irgendein anderes Museum das macht. Und ich fand es hier interessant, in dem Sinne auch einen Kontrast zur documenta zu bilden. Die documenta ist die wohl größte Gruppenausstellung. Mir war es wichtig, ein Gegenstück zu bilden und in die Tiefe des einzelnen Künstlers zu gehen.

Jérôme: Das war der Anspruch, den Sie an Ihr Wirken in Kassel gestellt haben?

Wolfs: Ja, am Anfang war das mein Konzept. Vor allem auch Einzelpositionen zu setzen, wo die Künstler immer wieder große Projekte umsetzen konnten, die sich durch das gesamte Haus hindurchgezogen haben. Bei Thomas Zipp zum Beispiel mit seiner Psychiatrie oder auch mit Teresa Margolles, wo es um die Toten in Nordmexiko ging. Auch mit Danh Vo und der Freiheitsstatue.

Jérôme: Welche Ausstellung hat Sie persönlich am meisten fasziniert?

Wolfs: Diese vier Ausstellungen waren wahrscheinlich am faszinierendsten für mich. Christoph Büchel, Thomas Zipp, Teresa Margolles und Danh Vo. Aber auch Pawel Althamer, der mit 300 Kasseler Kindern hier gearbeitet hat, war wichtig. Auch ein paar Künstler, die ganz jung waren und die wir hier ganz früh in ihre Entwicklung gebracht haben: Klara Lidén, Cyprien Gaillard, Navid Nuur und noch ein paar. Die haben wirklich einen guten Sprung gemacht von hier aus.

Jérôme: Junge Künstler mit einzubeziehen, war Ihnen immer ein Anliegen?

Wolfs: Ich wollte Künstler, die schon auf einer bestimmten Stufe in ihrer Laufbahn sind, aber auch Künstler, die noch jung sind – und beide oft auch nebeneinander programmieren.

Jérôme: Haben Sie konzeptionelle Ansätze, die Sie nach Bonn mitnehmen werden?

Wolfs: Schon, aber eigentlich ist die Arbeit in Bonn fast mehr vergleichbar mit der Arbeit, die ich früher gemacht habe, im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam. Da habe ich auch Ausstellungen verantwortet, die in allen Bereichen, in allen Epochen zuhause waren: Altmeister, moderne Kunst, Design, Kunstgewerbe und so weiter. Das wird die Arbeit in Bonn wieder mehr ausmachen. Diese Breite, diese Vielfalt. Hier in Kassel ist es viel pointierter gewesen, viel mehr auf einen Fokus hin. In Bonn hat man die Aufgabe, für mehr unterschiedliche Besuchergruppen zu arbeiten. Das bringt mit sich, dass man die Ausstellungen anders angeht.

Jérôme: Wie sehen Sie den Stellenwert der Kultur in Kassel?

Wolfs: Der Stellenwert ist groß und war schon groß, als ich hierher kam. Ich habe das Gefühl, er ist tendenziell noch gewachsen. Die Stadt ist sich mehr und mehr bewusst geworden und am Werden, davon, dass sie kulturell als eine der wichtigen deutschen Städte wahrgenommen werden kann. Vor allem im bildenden Kunstbereich, dann aber nicht nur in der zeitgenössischen Kunst, sondern auch im Altmeisterbereich. Die Stadt hat Kultur als Standortfaktor entdeckt. Es hat sich auch etwas getan im Bereich Werner-Hilpert-Straße. Man hat anerkannt, dass die Kreativwirtschaft auch ein Teil der Kasseler Strukturen ist. Und das sind für mich positive Zeichen.

Jérôme: Ganz am Anfang Ihrer Zeit in Kassel haben wir auch ein Interview geführt. Da haben Sie gesagt, sie brauchen immer wieder Zäsuren im Leben. Wenn Sie zu lange das gleiche machen, wird es irgendwann langweilig. War dieser Zeitpunkt wieder gekommen?

Wolfs: Wäre er an sich noch nicht. Ich war nicht auf der Suche nach etwas, weil ich mich wirklich noch wohlgefühlt habe in Kassel. Aber man kann das Leben nicht planen. Eigentlich wäre ich hier fast noch vier Jahre geblieben, dann wäre ich insgesamt neun Jahre hier gewesen, hätte aber zwischendrin eineinhalb bis zwei Jahre fast kein Programm gemacht. Ich habe das wirklich als zwei Phasen gesehen. Und darauf habe ich mich auch gefreut. Ich denke, dass nach der zweiten Phase dann auch die Langeweile gekommen wäre und dass ich dann wieder etwas anderes hätte machen müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt hätte ich gern hier weitergearbeitet und habe auch viele Ideen. Aber irgendwie hat es mich zu sehr verführt, diese neue Aufgabe anzugehen.


Tags: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar