Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben

Dr. Walter Lohmeier: „Das Gefühl wächst“

4. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Über die Möglichkeiten der Machbarkeit in Kassel und Nordhessen

IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Lohmeier. Foto: Mario ZgollErst Präsidialsitzung am großen Förderband in der Ankunftshalle, dann Vollversammlung in der Abfertigungshalle. „Die erste Vollversammlung dieser Industrie- und Handelskammer, bei der man vorab seinen Personalausweis zeigen und sich Leibesvisitationen unterziehen musste“, berichtet IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Lohmeier fröhlich vom Vortag. Der Flughafen Kassel-Calden liegt ihm am Herzen, daraus macht er keinen Hehl. Im Vordergrund unseres Gesprächs steht der Airport aber nicht. Worum es uns geht, ist ein Gespräch mit dem IHK-Oberhaupt über die Möglichkeiten der Machbarkeit, die unsere Region bietet. Wir wittern Spielräume in Kassel und Nordhessen, die man in ausgereizten Ballungszentren nicht mehr hat. Wir, das sind meine Kollegin Karin Küpper und ich. Ob wir richtig liegen, soll uns unser Gegenüber erklären.

Als ersten Beleg für unsere Theorie ziehen wir das Beispiel Flughafen heran. Ein solches Projekt lässt sich schließlich nur realisieren, wo Platz ist. Und ganz so schlecht, wie er gerne geredet und geschrieben wird, ist er doch eigentlich nicht. Das betont auch Dr. Lohmeier, der sogleich von der volkswirtschaftlichen Analyse des Professor Dr. Richard Klophaus berichtet, die das defizitäre Ergebnis des Airports in einem anderen Licht zeigt: „Über 30 Millionen Euro an Steuermehreinnahmen laufen im Mittel zurück.“

Nach oben korrigiert
Die letzte Berechnung, die ich kannte, ging von 27 Millionen aus. „Das ist eine frühere Studie“, erklärt Dr. Lohmeier. In 2012 habe man die nach oben korrigiert, denn inzwischen sei viel geschehen. Eine positive Entwicklung, begründet durch die Zunahme der Investments im Umfeld des Airports. Unternehmen können hier noch wachsen. Piper zum Beispiel. Die Stimmung ist also gut? „Ja, angespannt gut.“ Es bewege sich etwas, die entscheidende Symbolik seien jedoch Schlangen vor den Check-in-Schaltern. Die fehlen noch.

Hochalpin geht nicht
Wachstumsspielraum gibt es also. Und was zeichnet die Region allgemein aus? „Wir haben hier in Nordhessen alles, was attraktiv und typisch ist für Mitteleuropa“, sagt der IHK-Hauptgeschäftsführer. „Leider nicht die Küste und hochalpin geht auch nicht, aber eine attraktive Lebens- und Erlebensregion, erstklassige kulturelle und sportliche Angebote und gleichzeitig eine enorme wirtschaftliche Stärke.“

Schweres leichtes Kommunizieren
Bis das ins Bewusstsein der Nordhessen vorgedrungen sei, habe gedauert. „Die Verzagtheit ist dem Nordhessen ja auch nicht ganz uneigen“, sagt Dr. Lohmeier. Als er vor 18 Jahren nach Kassel kam, sei das der größte Schock für ihn gewesen. „Ich war lange in NRW, in Bochum, in Köln, das ist ein ganz eigener Menschenschlag. Dann 16 Jahre in Würzburg, wo man, ruhig, barock und katholisch geprägt, sehr stolz auf sich ist. Wenn Sie dann in eine Region kommen, die mit allen Schönheiten, hugenottischer Vergangenheit, einer strengen Arbeitsethik und damit einhergehender Stärke sich mit dem leichten Kommunizieren so schwertut, ist das nicht einfach. Aber das ändert sich zum Glück.“

Von der Zweiten in die Erste Liga
Die Region ist erfolgreich und beginnt es zu verinnerlichen. Im Ranking der 80 Industrie- und Handelskammern in Deutschland, das sich an der Gewerbekraft orientiert, lag der Kammerbezirk Kassel-Marburg vor 20 Jahren auf Rang 25, 26 oder 27. „Jetzt liegen wir auf 13, 14, 15“, sagt Dr. Lohmeier. Auf die Bundesliga übertragen bedeute das von der Zweiten in die Erste Liga. Immer noch gebe es eine Zaghaftigkeit, ein „Kann es denn wahr sein?“ – aber die gehe zurück.

Zerknirscht oder besser als New York?
Die stellvertretenden Bernecker-Verlagsleiter Karin Küpper und Björn Schönewald im Gespräch mit Dr. Walter Lohmeier (Mitte). Foto: Mario ZgollDas Problem der Kasseler sei, dass der unmittelbare Vergleich fehle. Frankfurt ziehe man gerne heran, die seien jedoch europaweit an der Spitze. Ludwig Georg Braun habe das mal auf den Punkt gebracht: „Die Kasseler schwanken zwischen tiefster Zerknirschtheit und dem Blick darauf, wo sie denn wirklich besser sind als New York oder London.“ Was man sich vor Augen halten müsse: „Direkt vor uns in der Rangziffer steht der Raum Mannheim, direkt hinter uns Karlsruhe. Da hat man eine ganz andere Assoziation, oder?“

Man darf kein No-Name sein
Die Zukunft des Standorts sieht Dr. Lohmeier positiv: „Die gute wirtschaftliche Situation hat sich als stabil erwiesen, und im Moment gibt es kein Indiz dafür, dass es enger werden sollte. Der Fachkräftebedarf wird zunehmen, deshalb sind Bildung und Zuzug wichtig.“ Da sieht er Kassel inzwischen gut aufgestellt. „Wenn man tolle Leute haben will, darf man kein No-Name sein“, erklärt der IHK-Chef. Das sei früher das Problem gewesen. „Kassel hatte kein schlechtes Image, es hatte gar keins. Es existierte nicht.“

Zunehmend attraktiv
Noch habe man zwar kein Schalke, da hoffe er noch auf den KSV, aber man habe sich in Position gebracht. „Besonders deutlich spüre ich das, wenn ich in Berlin bin“, sagt Dr. Lohmeier. Kassel und Nordhessen würden heute deutlich stärker wahrgenommen. Für die Menschen wird das nordhessische Oberzentrum zunehmend attraktiv und Unternehmen aus der Fahrzeugindustrie, der Energietechnik und -effizienz oder der Luftfahrt fühlen sich hier wohl.

Wirtschaft und Gefühl
Woran das liegt? An den guten Rahmenbedingungen, den Netzwerken und den Entfaltungsmöglichkeiten, den man hier habe und am Gefühl. Lohmeier: „Berlin hat eine zehnmal schlechtere Arbeitsmarktbilanz als Kassel, aber die Leute wollen einfach dahin – wegen des Gefühls. Nach Stuttgart wollen nach meiner Erfahrung eher wenige, obwohl da sehr viel Wirtschaft ist.“ Und nach Kassel? „Nach Kassel geht man überwiegend noch wegen der Wirtschaft, aber das Gefühl wächst.“


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